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AOL stellt Suchenginedaten ins Netz

In einem Akt beispielloser Unsensibilität hat der Internetprovider AOL kürzlich 36,3 Mio. detaillierte Informationen von 653.000 seiner Kunden veröffentlicht. Die Daten zeigen, was diese innerhalb von drei Monaten in die AOL-Suchengine eingegeben haben - ohne dass die Betroffenen davon wussten.

Ein Blick in die Suchdaten öffnet einem die Augen:

  • Das ist die größte Volkszählung aller Zeiten. Mit jeder Eingabe in eine Suchengine gibt man ein Mosaikstück über die eigene Persönlichkeit preis. Ein Profil über drei Monate ermöglicht einen tiefen Einblick in die Beschränktheit oder die Vielfalt des AOL-Kunden.
  • Der Spruch "Man surft im Internet nicht anonym" ist Wirklichkeit. Es wird klar, womit Google und Yahoo Geld verdienen, denn diese Daten sind Millionen wert und werden noch dazu von den Surfern freiwillig abgeliefert. Es nützt nichts, ob mit Kreditkartenzahlungen, Payback oder AOL, überall werden Benutzerprofile angelegt.
  • Anhand der Uhrzeiten kann man erkennen, wann die Menschen aufstehen, wann sie das Haus verlassen, wiederkommen, wie lange sie nachts auf sind. Sonntags gibt es den meisten Traffic, Freitags am wenigsten.

Am dramatischsten sind aber die persönlichen Einzelschicksale, deren Leben man über einen Zeitraum von drei Monaten minutiös begleiten kann. Jeder AOL-User ist durch eine eindeutige Kennung identifizierbar. Diese wurde in den Daten zwar durch eine Nummer ersetzt, was aber das Vergnügen nicht schmälert, und in vielen Fällen dennoch Rückschlüsse auf nur eine sehr begrenzte Personenzahl ermöglicht, weil so viele Details eingegeben wurden.

Da ist der schwule Künstler aus New York (ID 5585221), der gerne im Musical "A Chorus line" mittanzen möchte, Interesse an Schwulenbars in Arkansas hat, sich nach einem HIV-Mittel genauso erkundigt wie danach, woher Nägelkauen kommt und wie man es stoppt, verschreibungsfreie Kontaktlinsen sucht und ein Mittel kaufen möchte, um Aufmerksamkeitsstörungen bei Erwachsenen zu behandeln.

Da ist die Frau (ID 3302) aus Cheyenne, Wyoming, die vor kurzem ein Kind bekommen hat, und die unter starken Depressionen leidet. Sie bekommt blutverdünnende Mittel, die zu Uterusbluten führen und erkundigt sich ausführlich nach Kindstod, und dass sie gerne wieder Tennis spielen würde. In ihrem Log stehen auch die Speisekarten aller großen Steakhäuser und Restaurantketten, sowie eine Diätseite.

Susan Beaurline (ID 17256337) sucht erst nach Intelligenztests. Einige Tage später kopiert sie versehentlich den Text aus einer Passwortmail von Walmart in das Suchfeld und drückt Enter. Sie ist kein Einzelfall.

Und nicht zuletzt ist da der arbeitslose Mann (ID 672897) aus New Haven county, Connecticut, der sich nach Arbeitsprogrammen für verurteilte Straftäter umschaut, wissen möchte, wer in Connecticut Tattoos entfernt, der sich für ein Bremskabel für einen 97er Plymouth Breeze interessiert, ob Präsident Bush die Nationalhymne in spanisch gesungen hat, Puerto Rico-Rezepte sucht, und ob die Nase eines Hundes eher kalt oder warm sein sollte. Er sucht nach "Lehrer, der wegen Sex mit Schüler verurteilt wurde" sowie ungeklärten Mordfällen an 13-jährigen Jungen in den verschiedenen Städten des südlichen Connecticut, z.B. "boy named elvis found dead in bridgeport ct 1992" und kurz danach "shelton ct unsolved murders" sowie "boy missing from bridgeport ct found dead in snow in shelton ct". Zum Abschluss schenkt er uns noch seine Kundennummer bei der örtlichen Stromgesellschaft.

Original-AOL-Benutzungsanleitung
Mirror für Download der AOL-Daten: http://www.gregsadetsky.com/aol-data/
(bw, 2006-02-05)