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Tag der Abrechnung kommt schneller als erwartet

Das exponentielle Dollarschuldenwachstum der USA, zum größten Teil verursacht durch die auf Kredite zu entrichtenden Zinsen, nähert sich dem Ende. Nach Jahren des Wohlstands (bis ca. 1970), einer Deregulierung des Finanzsektors Ende der Achtziger, einer Verlagerung der amerikanischen Wirtschaft weg von der Güterproduktion (z.B. Autos) in den Servicebereich (Putzkräfte, Aushilfe im Schnellrestaurant), Nettoimporter (Waren aus Fernost), Verarmung der Mittelschicht, Überziehung der Kreditkartenkonten auf durschnittlich 10.000 USD pro Bürger, sind die kollektiven amerikanischen Schulden nunmehr auf 55 Billionen USD (amerikanisch: $55 trillion) angestiegen.

Warum müssen die Schulden unendlich weitersteigen?
Die Ursache liegt darin, dass Geld als Tauschmittel in unserer arbeitsteiligen Wirtschaft unbedingt benötigt wird, damit die produzierten Waren in die Hände der Kunden gelangen und Dienstleistungen beim Kunden verrichtet werden (Nachfrage nach Geld). In einer Industriegesellschaft wird täglich eine riesige Menge Geld benötigt.

Die Wirtschaft, der Staat und auch alle Privatpersonen benötigen aufgrund der Arbeitsteilung Geld als Tauschmittel, um flexibel Waren und Dienstleistungen ineinander umwandeln zu können. Ohne Geld wäre es erforderlich, dass bei jedem Tausch von Leistungen beide Beteiligten die vom jeweils anderen angebotene Leistung benötigen. Mit Geld aber kommen Käufe und Verkäufe auch zustande, wenn nur eine Partei die Leistung benötigt, und die andere Partei als Gegenleistung Geld annimmt. Beispiel: Möchte ein Rechtsanwalt ohne Geld Benzin an der Tankstelle kaufen, wird der Tankstellenbesitzer ihm im Regelfall nur dann etwas verkaufen, wenn er zufällig auch eine Rechtsberatung benötigt. Für eine florierende Wirtschaft ist es notwendig, dass stets genügend Geld als Tauschmittel zur Verfügung steht, damit Firmen expandieren und Bürger sich Wünsche erfüllen können. Je mehr Geld vorhanden ist, umso schneller kann die Wirtschaft wachsen und die Menschen Gelegenheiten wahrnehmen. Dummerweise haben die Regierungen (also die ausführenden Vertreter der Bürger, des Staates) in westlichen Ländern versäumt, dieses Grundbedürfnis nach Geld unter staatliche Regie zu stellen und unter Kontrolle zu halten. Sogar das Erzeugen von Geld haben sie privaten Banken gestattet und sich selbst das Recht entzogen. So sind wir in der absurden Situation, dass sich die Regierung von Privatunternehmen (Banken) Geld drucken(!) lassen muss und darauf den Banken (oder Investoren) Zinsen zahlen muss, und dass die Geldmenge von Privatunternehmen gesteuert wird.

Man muss sich nämlich vor Augen halten, dass (das meiste) Geld in dem Moment erzeugt wird, indem jemand bei einer Bank einen Kredit aufnimmt. Dabei wird (Buch-)Geld in Höhe des Kreditbetrags erzeugt, wofür die Zentralbanken bereit sind, die bekannten Scheine und Münzen auszuliefern. Die Bank selbst muss zu diesem Zeitpunkt kein Geld zum Ausleihen vorrätig haben bzw. nur einen Bruchteil (in Deutschland 8% der Kreditsumme). Obwohl die Bank ein Privatunternehmen ist, lediglich mit dem vom Staat verliehenen Recht, Buchgeld zu erschaffen, entscheidet die Bank über die Vergabe von Krediten und erhält Zinsen für quasi nichts. (Außer, den Kreditvertrag abzuheften, die Sicherheiten in Empfang zu nehmen, und zu warten.) Damit haben die Banken eine sehr große Macht, die Wirtschaft zu lenken, z.B. welche Wirtschaftszweige vermehrt Kredite erhalten etc. Hinzu kommt, dass durch das großzügige Mindestreservesystem (8% entspricht einem Verhältnis von 12,5 zu 1) die Banken aus ihrem Eigenkapital eine vielfach höhere Geldmenge erzeugen dürfen (in Deutschland durch Wiederanlage und Wiederausreichung bis theoretisch Faktor 168,75, denn das entspricht 12,5 x 13,5, was sich wiederum aus der Mindestkapitalanforderung von 8% ableiten lässt). Nach dieser Rechung kann eine Großbank (bei kompletter Wiederanlage und Wiederausleihung in der eigenen Bank) aus 1.000 EUR Eigenkapital bei einem Kreditzinssatz von 5% theoretisch jährlich maximal 8.437,50 EUR an Zinsen einnehmen. Bei einer kleinen Bank (Ausleihung ohne Wiederanlage, Faktor 1:12,5) sind es 625 EUR pro Jahr, oder 62,5% Einnahmen für das eingesetzte Kapital pro Jahr. Ist jetzt klargeworden, warum Josef Ackermann 25% Kapitalrendite versprechen kann?

Zunächst einmal das größte Problem sind jedoch die unscheinbaren Zinsen. Die Banken erzeugen Buchgeld nur in der Höhe des Kreditbetrags (Nominal), die zusätzlich zu zahlenden Zinsen müssen "woanders" herkommen. Zinsen sind auch wieder Geld, und das muss von irgendjemandem "irgendwo" als Kredit aufgenommen worden sein, spätestens, wenn die Rückzahlung des erstgenannten Kredits inklusive Zinsen ansteht. Und völlig unabhängig, ob die mit einem Kredit getätigten Investitionen lohnend waren.

In einer Wirtschaft, die auf Geld als Tauschmittel angewiesen ist, ist es äußerst fatal, dass die Menge des Tauschmittels ohne Zutun und abgekoppelt vom tatsächlichen realwirtschaftlichen Angebot wachsen oder schrumpfen kann. Und nicht nur das, die Geldmenge kann exponentiell wachsen. Denn für alles Geld, was eine Wirtschaft benötigt, müssen Zinsen bezahlt werden, und diese müssen mindestens jedes Jahr als neue Kredite aufgenommen werden, schon wenn die Wirtschaft Null Wachstum hat. Alle während der Güterproduktion anfallenden Kreditkosten werden natürlich in die Produktverkaufspreise eingepreist, und so benötigen die Bürger auch jedes Jahr mehr Geld, um dieselben Waren einkaufen zu können. Das nennen wir Inflation. Jedes Jahr 3% (mal abgesehen von den statistischen Taschenspielertricks, denn die wirkliche Inflation liegt eher bei 10%) ergeben eine über die Jahre exponentiell, d.h. immer stärker ansteigende Geldmenge. Hinzu kommen natürlich auch die Zinsen für allen erarbeiteten monetären Wohlstand. Selbst wenn man in der glücklichen Lage ist, schuldenfrei zu sein und netto Buchgeld zu besitzen, muss man sich bewusst sein, dass irgendjemand für genau dieses Geld (mal Faktor 12-168) in diesem Moment Zinsen bezahlt, d.h. Überstunden einlegt, rationalisiert, oder auf den entsprechenden Teil seines Vermögens verzichtet.

Auf alles zirkulierende Geld und alles Buchgeld müssen Zinsen gezahlt werden, sonst hätten es die Banken nicht erschaffen. Und um alle Zinsen zurückzuzahlen, müssen neue Kredite aufgenommen, neues Buchgeld erschaffen werden, Jahr für Jahr ein höherer, immer stärker ansteigender Betrag. Wird hingegen die Geldmenge (= Kreditmenge, Tauschmittelmenge) über die Jahre konstant gehalten, nehmen die Zinsen darin einen kontinuierlich steigenden Anteil ein, bis sie das Kapital komplett aufgezehrt haben. Aus diesem Grund muss die Geldmenge in einem zinsbasierten System über die Jahre exponentiell wachsen.

Das ist aber nur die langfristige Folge des zinsbasierten Geldwesens, die in jedem Fall zum Zusammenbruch des Geldwesens führen muss. Auf dem Weg dorthin gibt es aber noch viele weitere Faktoren, die das Geldmengenwachstum beeinflussen können, z.B. dauernd wachsende Staatsverschuldung, freizügige Geldpolitik der Zentralbanken (Kredite zum Nulltarif, d.h. unter Inflationslevel), laxe Kontrolle der Mindestreservestandards z.B. durch Auslagerung von Risiko auf Strohmannfirmen in Steueroasen bzw. Ankauf von Versicherungsleistungen von Privatleuten (Credit Default Swaps). CDSse sind nicht an sich schlecht, aber beim Verkauf des Kreditrisikos an private Anleger geht viel von staatlicher Kontrolle verloren, die sonst auf Versicherern zum Wohle der Anleger ausgeübt wird. Darüberhinaus wurden CDSse im großen Stil als "Spiel" angesehen, ein und dasselbe Risiko, einzeln oder gebündelt mit anderen Risiken, immer wieder zu kaufen, solange der Preis unter der eigenen Risikoeinschätzung lag. Private Anleger waren in diesem Spiel gegenüber Versicherungen und Banken mit ihren Heeren von Mathematikern unterlegen, zumal sie beim Einkauf von Risiken keine großen Fragen stellten, wie sie sonst beim Abschluss von Versicherungsverträgen üblich sind. Man muss davon ausgehen, dass in den letzten fünf Jahren Heerscharen von privaten und institutionellen Anlegern den Banken und Investmentbanken in die Falle gegangen sind.

Warum kann die Geldmenge nicht immer weiter exponentiell wachsen?
Kredite (=Geld) werden nur vergeben, wenn die Bank reale Werte oder Garantien als Sicherheit erhält. D.h. der Kreditnehmer muss ein Geschäftsmodell oder existierende Sicherheiten abliefern. Für einen privaten oder kommerziellen Kredit muss eine reale Möglichkeit existieren, dass der Schuldner seinen Kredit auch zurückzahlen kann. Banken können maximal bis zum theoretischen Faktor 168 Geld erzeugen (solange sie sich an die Gesetze halten), d.h. relle Waren und Werte mal Faktor X. Langfristig sind die Banken nicht in der Lage, eine exponentiell ansteigende Geldmenge zu produzieren.

Die Wirkung von immer neuen Schulden verpufft, wenn kein realer Wertzuwachs mehr möglich ist. Märkte sind nicht unendlich, Produktivität stößt an physikalische Grenzen, und auch wenn beide Partner zwei Jobs haben, mehr als 24 Stunden hat kein Tag.

Und dann tritt die zweite Eigenschaft des Geldes zutage. Es kann gehortet werden und ist durch seine Flexibilität, wofür es verwendet werden kann, allen Waren und Dienstleistungen überlegen. Die Kapitalgeber haben keine unbedingte Notwendigkeit, Geld sofort "an den Mann zu bringen" (Angebot an Geld), und damit können sie die Anbieter von Waren unter Druck setzen.

Und wenn die Kapitalgeber in einer Vertrauenskrise nichts mehr leihen wollen, hört die Wirtschaft auf zu funktionieren.

Eine Zeitlang kann die Zentralbank noch die Zinsschleusen öffnen, um den Banken noch mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Oder die Auflagen lockern, so dass noch höhere Margen oder noch höhere Ausleihquoten drin sind. Das hat in Amerika zu den Investmentbanken (Faktor 60:1), einem völligen Abheben des Finanzsektors und immer neuen Assetblasen geführt. Und schließlich kann man noch den Steuerzahler direkt zur Kasse bitten, um den Banken allen Lug und Trug von SPVs mit gefakten AAA-Ratings, der durch nichts Reelles gedeckt ist, aufzukaufen. Aber dies wird die Landung nur noch härter machen, wenn die Märkte zwangsweise wieder auf das Niveau der Wirtschaft zurechtgestutzt werden. Denn wenn eine Geldkrise der Auslöser einer Wirtschaftskrise ist, und die Zentralbanken panisch unbegrenzt Geld ins System pumpen, und die Wirtschaft dabei trotzdem am langen Arm der nichts mehr leihenden Geldgeber verhungern lassen wird, wird das Verhältnis zwischen Geld und Wirtschaft noch verzerrter. Und je höher man fliegt, desto tiefer der Fall. Es stehen uns mindestens 10, wenn nicht 20 Jahre Wirtschaftskrise bevor, der Untergang des Dollars und Euros, eine finanzielle Neuordnung der Welt, mit potentiellen Gewinnern in Asien und im Nahen Osten. Mal sehen, ob die Amis, mit dem größten Militärbudget der Welt, dabei zuschauen werden, oder ob sie die Party mit einem großen Knall enden lassen.
(bw, 2008-10-19)